Arbeitgebermarke

Flache Hierarchien im Krankenhaus

Dr. Rolland Rosniatowski absolvierte seine Ausbildung an der Universitätsklinik Mainz. Nach Stationen als Oberarzt und Chefarzt in unterschiedlichen Krankenhäusern kombiniert er  heute mit der PraxisKlinikMarburg die Arbeit in einer Uniklinik mit der in der Praxis.

Der Ärztemangel in Deutschland nimmt zu, die Einstellungen ausländischer Mediziner bewegte sich in den letzten Jahren auf Rekordniveau. Im Wettbewerb um Assistenz- und Oberärzte müssen Krankenhäuser ein Arbeitgeberprofil entwickeln, das sie einmalig macht. Wir sprachen mit Dr. Rolland Rosniatowski, der neben seiner Tätigkeit als Arzt auch über Erfahrungen als Führungskräfte-Entwickler verfügt. Im Interview betont er, wie wichtig es für Krankenhäuser ist, sich dem Arbeitsmarkt anzupassen.

Wie hat sich in den letzten Jahrzehnten die einst sehr starke Hierarchisierung in den Krankenhäusern entwickelt?

Die Hierarchien sind bereits wesentlich flacher geworden. Aufgrund  ständiger Spezialisierung und Subspezialisierung kann ein einzelner nicht mehr alles können.

Ein anderes Thema ist die Unternehmenskultur in Krankenhäusern. Was sind Ihre Erfahrungen, woran hakt es am häufigsten?

Unternehmenskultur ist nicht das Schild, auf dem das angebliche Leitbild gedruckt ist und dann ständig präsentiert wird. Unternehmenskultur spiegelt die Art und Weise wieder, wie mit Mitarbeitern und Patienten tatsächlich umgegangen wird. Diese Kultur ist nicht abstrakt, sondern Teil des täglichen Miteinanders.  Es heißt: ,Tue Gutes und rede Darüber’ und nicht ,Rede über gute Unternehmenskultur und tue nichts dafür!’

Wie sollte sich ein Arzt orientieren, der gerade seine Facharztausbildung beendet hat: Lieber in das kleine Haus oder in eines der Kompetenzzentren, in denen Hochleistungsmedizin praktiziert wird?

Wesentlich ist, dass der Arzt das erhält, was er am jeweiligen Ort sucht. Eine gute, breite Ausbildung ist genauso wichtig wie eine Ausbildung in die Tiefe einer bestimmten Kompetenz. Lebenslanges Lernen und die Bereitschaft zu erneuter Veränderung und Wechsel der Ausbildungsstätte scheint mir persönlich wesentlich zu sein.

Welches sind die entscheidenden Faktoren für eine gesunde Work-Life-Balance bei Ärzten?

Resilienz ist für mich ein wichtiger Faktor. Ärzte benötigen diese Fähigkeit, um nach Zeiten des Drucks sich wieder vollständig entfalten zu können. Work-Life-Balance ist wie ein Pendel zwischen zwei Polen. Wenn sich das Pendel zu lange auf einer Seite aufhält, läuft das Uhrwerk nicht rund.

Die in der Wirtschaft verbreiteten Arbeitgebermarken, die ein Arbeitgeberversprechen beinhalten, sind im Gesundheitswesen noch weitestgehend unbekannt. Warum?

Lange Zeit mussten Krankenhäuser weder um Patienten, noch um Mitarbeiter werben. Beides war im Überfluss vorhanden. Erst seitdem der Fachkräftemangel und die Ökonomisierung die Krankenhäuser erreicht haben, beginnt ein langsames Umdenken. Vieles ist schlichtweg verschlafen worden und wird gerade in Windeseile neu erarbeitet. Es geht darum, einen emotionalen Markenkern zu etablieren und nach innen und außen zu kommunizieren. Viele Krankenhäuser sind dabei auf einem sehr guten Weg und bekanntlich folgen dann die etwas Langsameren auch.

Wie können Krankenhäuser besser kommunizieren, was sie als Arbeitgeber ausmacht?

In der Medienarbeit gibt es sicherlich noch Defizite. Aber die kann man aufholen, wenn man ein klares Konzept hat. Ich würde zum Beispiel das wertvollste Gut, dass jede Organisation hat, in die Kommunikation einbeziehen: Die Mitarbeiter. Sie können mit viel Authentizität berichten, was ihren Arbeitgeber auszeichnet.

Wenn Sie mit Ärzten sprechen, die in der Mitte ihrer Karriere stehen: Gibt es dort Anmerkungen, wie man die eigene Karriere besser hätte planen können?

Die meisten hätten früher gerne auch diese vielfältigen Möglichkeiten gehabt. Jetzt ist es ein absoluter Bewerbermarkt. Gute Ärzte können zwischen mehreren Angeboten wählen. Das Ausland spielt eine immer größer werdende Rolle, denn auch dort kann ich Weiterbildung bekommen und Erfahrungen sammeln.

Überhaupt sind die Möglichkeiten für Ärzte wesentlich breiter geworden. Ob im Pharmabereich oder in der Beratung, Mediziner werden in mehreren Branchen gesucht. Krankenhäuser befinden sich also auch mit McKinsey im Wettbewerb.

Was würden Sie heute anders machen, wenn Sie 20 Jahre jünger wären?

Nichts! Aber ich bedaure, in meiner Schul- und Studentenzeit nicht besser Englisch gelernt zu haben. Ich vermisse einen längeren Arbeitsaufenthalt im Ausland.

Wie wird sich die Medizin in den kommenden Jahren und Jahrzehnten verändern und welche Empfehlung daraus würden Sie jungen Ärzten deshalb heute geben?

Ich glaube die Medizin wird sich weiter digitalisieren und ,nanonisieren’.  Wir Ärzte müssen aber weiter Menschen bleiben, die anderen Menschen helfen wollen. Empathie, Authentizität und Integrität wird neben Fleiß und Wille jedem Arzt, in jedem Jahrzehnt gut zu Gesichte stehen.


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