Mitarbeiterbindung

Bürolandschaften als Recruitinginstrument

moderne Arbeitsplatzgestaltung

Google – Das Unternehmen mit Hauptsitz in Mountain View steht wie kaum ein anderes für eine moderne Bürogestaltung. © Google

Google – Das Unternehmen mit Hauptsitz in Mountain View steht wie kaum ein anderes für eine moderne Bürogestaltung. Im Silicon Valley sind offene und hierarchiefreie Bürolandschaften fester Bestandteil der Workforce Strategy. In deutschen Unternehmen ­dagegen herrscht oft noch eine klassische Interpretation von Arbeitsplätzen, die auf kreative Wissensarbeiter eher verstörend wirkt. Professor Dr. Martin Klaffke, Leiter des Hamburger Instituts of Change Management, erklärt, warum Architektur, Interieur und Raumgestaltung zu einem Recruitinginstrument werden.

Herr Klaffke, welche Bedeutung hat eine moderne Arbeitsplatzgestaltung für die Generationen Y und Z?

An Schulen und Hochschulen verschiebt sich der Fokus vom traditionellen Lehren hin zum kollaborativen Lernen – sowohl im Seminarraum als auch virtuell. Zudem erwarten viele Berufseinsteiger Spaß im Arbeitsleben. Nachwuchskräf­te, die Interaktion und Austausch gewohnt sind, werden daher auf klassische deutsche Büro-Konfigurationen mit ihren sterilen Gängen, verschlossenen Türen und mickrigen Teeküchen mit Befremden re­a­gieren.

Wird die Innenarchitektur in Büros zu einem Recruitinginstrument?

Um im „war for talents“ Nachwuchskräfte der Generationen Y und zukünftig der Generation Z zu gewinnen, werden Unternehmen geradezu gezwungen sein, attraktive Büro-Landschaften zu schaffen. Dabei spielen neben Lounges für den hierarchiefreien Austausch und Kreativ-Räumen vor allem atmosphärische und auch spielerische Elemente eine wichtige Rolle.

moderne Arbeitsplatzgestaltung

Der Möbelhändler One Workplace in Santa Clara führte Relax-Kabinen ein, damit sich Mitarbeiter auch mal entspannen können. © One Workplace/ Quelle: HICM

Warum herrscht in deutschen Büros eine gewisse vorhersehbare Tristesse?

Bürokonzeptionen haben sich in den letzten 100 Jahren wiederholt gewandelt. Wesentliche Treiber waren Ver­- änderungen in den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, technologische Entwicklungen sowie Trends in Architektur und Design. Stark verbreitet sind in Deutschland noch immer Zellen-Büro-Konfigurationen nach dem Vorbild der Uffizien in Florenz. Dabei reihen sich geschlossene Büroräume mit einem oder mehreren Arbeitsplätzen entlang eines Mittelflurs.

Mit Chefbüro, Vorzimmer sowie Zwei- und Mehr-Personenbüros reflektieren diese im Vergleich zum Großraumbüro kleinteiligen Einheiten die hierarchische Organisationsstruktur.

Hierarchien und Abschottung sind nicht unbedingt das, was nachwachsende Generationen elektrisiert…

So ist es. Im Fall der flächenunwirtschaftlichen Ausgestaltung in Form von Einzelbüros bietet dieses Konzept zwar Raum für Individualität und Rückzugsmöglichkeiten, führt jedoch zu langen Wegen und erschwert Kommunikation so- wie Zusammenarbeit der Beschäftigten.

Im Silicon Valley sorgen die Raumkonzepte in den Büros für eine freiere Arbeitsatmosphäre. Taugt Google auch hier als Vorbild?

Viele Ansätze zukunftsorientierter Bürogestaltung stammen von Technologieun­ternehmen aus dem Silicon Valley, deren Erfolg vor allem auf der Produktivität kreativer Wissensarbeiter beruht. Dort ist die Gestaltung zukunftsweisender Arbeitsszenarien längst keine alleinige Aufgabe mehr von Facility Management, IT- oder Corporate Real Estate-Bereich, sondern Kommunikationsinstrument und zentrales Element der Workforce Strategy.

Welches sind die grundlegenden Merkmal der Büros im Silicon Valley?

In erster Linie eine offene Raumfläche, die in flexibel nutzbare Zonen unterteilt ist. Vielerorts existieren zwar fest zugeordnete Einzelarbeitsplätze. Diese sind jedoch nicht in Form von abgeschlossenen Einzelbüros, sondern grundlegend offen, als Team Space gestaltet, um Zusammenarbeit und kreative Prozesse zu unterstützen. Ergänzend werden sogenannte Hotel-Arbeitsplätze bereit gehalten. Dabei handelt es sich um Arbeitsplätze im Unternehmen, die je nach Bedarf von überwiegend mobil Tätigen, den Nomaden, genutzt werden können. In Common Spaces finden sich daneben Lounges, Work-Cafés, schallisolierte Telefon-Boxen oder Fokus-Räume. Beschäftigte sol­len je nach Arbeitsaufgabe den passenden Ort im Büro flexibel und autonom wählen können. Damit verstehen sich neue Büro-Landschaften im Grunde als Ökosystem von Arbeitsszenarien.

Ist die Botschaft angekommen, dass die Herausforderungen der Digitalwirtschaft auch andere Umfelder braucht?

Eine Vielzahl von deutschen Unternehmen hat oder ist aktuell dabei, Büros nach neuen Maßstäben zu gestalten. Hierzu gehören unter den Großunternehmen etwa die Mercedes-Benz Fabrikplanung von Daimler, Siemens mit dem „Siemens Office – New way of working“-Ansatz oder die Unicredit Bank mit dem Smart Working-Konzept. Aber auch mittelständische Unternehmen setzen in vielfältiger Form auf neue Arbeitswelten. So hat beispielsweise die Sparkasse Rhein-Nahe mit ihrem „Active-Office“ eine bewegungsfördernde Bürowelt geschaffen, die Wohlbefinden und Gesundheit am Arbeitsplatz gezielt fördern soll.

Professor Dr. Martin Klaffke lehrt Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und leitet das Hamburg Institute of Change Management. Zu seinen Forschungsthemen zählen die Gestaltung neuer Arbeitswelten sowie die Mobilisierung von Organisationen für den Wandel. Als Berater und Top Management Coach unterstützt er führende Unternehmen im In- und Ausland in Fragen des strategischen Personalmanagements sowie bei der Gestaltung von nachhaltigen Veränderungsprozessen.

Besteht bei zu offenen Flächen nicht auch die Gefahr, dass dadurch konzentriertes Arbeiten gestört wird?

Bei jüngst realisierten Büro-Konfigurationen im Silicon Valley ist eine Renaissance der Privatsphäre zu erkennen. Privatsphäre bedeutet allerdings keineswegs das Angebot von exklusiven Einzelbüros, sondern im Kern ein Bedürfnis nach Ungestörtheit und Kontrolle von Außenreizen. Nachdem die Flächenoptimierung infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise bei den ersten „New Office“-Konzepten zu einer übermäßigen Zunahme der sozialen Dichte geführt hat, erweitern gegenwärtig Silicon Valley Unternehmen ihre Flächen für den Rückzug. Dies gewährleistet, dass Beschäftigte ihre individuelle Balance zwischen Einzel- und Gruppenarbeit finden können. So hat beispielsweise der Möbelhändler One Workplace in Santa Clara spezielle Relax-Kabinen eingeführt, in denen Beschäftigte kurz zur Ruhe kommen können.

Ich plane die Umgestaltung meiner Büroflächen: Vor welchen Herausforderungen stehe ich?

„New Office“-Konzeptionen sind mehr als die Öffnung von Flächen, die Einrichtung einer Espresso-Bar oder die Ausstattung von Arbeitsräumen mit farbigen Sofas, Tisch-Kicker und trendigen Büromöbeln. Vielmehr gilt es, für jeden Unternehmensbereich zunächst zu prüfen, wie durch Bürogestaltung Aufgaben und Arbeitsprozesse besser unter- stützt werden können, um dann eine passende Vielfalt an Arbeitsszenarien zu realisieren.

Dies bedingt in der Regel auch eine Modernisierung der betrieblichen Informations- und Kommunikationstechnologien.

Dies ist ein wichtiger Punkt. Schließlich implizieren die mit der flexiblen Büro-Philosophie verbundenen Wahlmöglichkeiten bei der Arbeitserledigung eine veränderte Form der Mitarbeiterführung, bei der Selbstorganisation der Beschäftigten, Ergebnisorientierung und Vertrauen im Vor- dergrund stehen. Schließlich wird die erfolgreiche Einführung von neuen Büro- formen auch maßgeblich davon bestimmt, wie gut es dem Management gelingt, Mitarbeiter wie Führungskräfte für den Wandel zu mobilisieren.

Liebgewonnene Einzelbüros gegen einen Arbeitsplatz im „Team Space“ einzutauschen, dürfte oftmals mit Widerstand seitens der Beschäftigten verbunden sein und erfordert ein systematisches Change Management.