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langweilige Stellenanzeigen
Prozessoptimierung

Langweilige Stellenanzeigen!

Martin Gaedt ist Autor der Bücher „Mythos Fachkräftemangel” und „Rock Your Idea”. Er sieht nicht den in den Medien beschriebenen Mangel an Fachkräften, sondern viele Arbeitgeber, die schlicht unsichtbar für Kandidaten sind. Um erfolgreicher zu rekrutieren, empfiehlt er, sich genauso viel Mühe beim Personalmarketing zu geben wie beim Produktmarketing. Denn dort setzten Unternehmen auf „glasklare Unterscheidung”, während bei der Personalgewinnung die völlige Austauschbarkeit herrsche.

Reisen und Musik-Festivals boomen. Alle Sinne werden bedient. Fotos auf Sozialen Medien lassen uns an Events weltweit teilhaben. YouTube ist die zweitgrößte Suchmaschine. Wo sind Sie sichtbar? Wo ist Ihr Unternehmen erlebbar? Wir leben in einer Erlebnisökonomie. In Europa konkurrieren 23 Millionen Unternehmen um Aufmerksamkeit. Stechen Sie unter 3,6 Millionen deutschen Betrieben hervor? Ist Ihr Unternehmen so sichtbar wie der Kirchturm der Stadt? Werden Ihre Videos so oft angesehen wie „heimkommen“ und „supergeil“ von Edeka? Ist Fachkräftemangel ein Mangel an Erlebbarkeit?

Wie wahrscheinlich ist es bei 2.500 Stellenbörsen, dass der passende Kandidat ausgerechnet in der Stellenbörse sucht, in der Sie aktiv sind? 2,3 Milliarden Euro wurden 2016 in Anzeigen investiert. Doch wie ist das Erlebnis? Welche Wirkung wird entfaltet? Die Analyse von 120.000 Stellenanzeigen lautet: „austauschbar, unprofessionell, lustlos getextet. Füllwörter, vorgestanzte Wortbausteine.“ Unternehmen setzen bei Produkten auf glasklare Unterscheidung. Ganz anders in der Personalgewinnung, dort machen alle dasselbe. Standardisierte und unprofessionelle Texte sollen hochmotivierte Bewerber anziehen – das ist schizophren.

Der Fachkräftemangel steht seit 33 Jahren täglich mehrfach in den Medien. Spiegel Online hat 2015 offizielle Prognosen von dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln und der Prognos AG zum Fachkräftemangel untersucht. Welche der Szenarien von 2009 trafen nach sechs Jahren tatsächlich ein? Das Fazit ist ernüchternd: Keine einzige Prognose. Doch ungebremst verdienen Meinungsforschungsinstitute viel Geld mit warnenden Prognosen. Ein lukratives Geschäftsmodell.

Wir rennen in Deutschland von Rekord zu Rekord: Mehr als 43 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer 2016. Mehr als 44 Millionen Beschäftigte 2017. Hinzu kommen vier Millionen Deutsche, die im Ausland arbeiten. Wir sind Vize-Europameister im Versenden von teuer ausgebildeten Fachkräften. Die entscheidende Frage lautet daher: Wissen Sie, wer sich NICHT bei Ihnen bewirbt? 48 Millionen Fachkräfte sind da, bewerben sich aber nicht bei Ihnen. Warum?

Der Personalchef eines bayerischen Unternehmens sagte mir, dass ihm 300 Ingenieure fehlen. Auf Nachfrage stellte sich heraus, es mangelte an Ingenieuren mit einem Jahrzehnt Berufserfahrung, die wechseln und umziehen wollen. Als diese Firma zum ersten Mal 30 Trainee-Stellen ausgeschrieben hat, meldeten sich 2.000 Bewerber. Ein anderer Personalchef klagte: „Wir sind Weltmarktführer und könnten die Produktion deutlich erhöhen. Aber wir finden keine Fachkräfte.“ Erfolg im Weltmarkt bedeutet nicht Bekanntheit im Arbeitsmarkt. Täglich fahre ich an hunderten Firmen vorbei. Doch ich kenne sie nicht. Ich sehe Außenmauern und Fassaden. Um diese Unternehmen zu erleben, müsste ich klingeln und reingehen. Aber wer macht das schon? Unternehmen sind hinter Mauern versteckt, damit Wind und Wetter draußen bleiben. Doch Fassaden, Büro- und Fabrikgebäude haben ungewollt auch eine andere Wirkung: Sie machen Unternehmen unsichtbar. Wir können nur wahrnehmen, was unsere Sinne wahrnehmen. Wir schmecken, was wir essen und trinken. Wenn wir nass werden oder die Tropfen trommeln hören, regnet es. Der Mensch ist ein Sinneswesen. Was er nicht wahrnimmt, bleibt versteckt und unsichtbar. Schlimmer noch: Das gibt es für ihn nicht.

Ihr Arbeitsplatz ist für fast 100 Prozent der Bevölkerung unsichtbar. Heilbronn ist voller Weltmarktführer. Doch „in Heilbronn, da gibt‘s nur Audi“, sagte eine Absolventin nach ihrem Umzug nach Köln. Wenn ein Unternehmen Kundenmangel hat, weiß jeder, was zu tun ist. Man ändert das Angebot, präzisiert das Alleinstellungsmerkmal, verbessert Marketing und Vertrieb. Warum sollte es beim Bewerbermangel anders sein? Angebot ändern, Alleinstellungsmerkmal präzisieren, Marketing und Vertrieb verbessern. Gehen Sie so vor?

Wie gewinnt man einen Buchhalter mit drei Cent und Mut? Bei allen Überweisungen hat ein Unternehmen in Rheinland-Pfalz drei Cent zu viel überwiesen. Die Buchhalter, die daraufhin angerufen haben, haben ein Jobangebot bekommen. Eine Firma in Ingolstadt hat in Baumärkten zwischen die Kabelbinder kopierte Zettel gesteckt: „Suchen Sie eine Arbeit im Trockenen? Kommen Sie zu uns!“ 30 Elektriker-Stellen waren in zwei Wochen besetzt. Zu wenig Azubis? Die ING-DiBa bildet seit 2006 Azubis im Alter von 50 Jahren aus, denn es werden immer mehr 50-Jährige. Wem das nicht reicht, geht auf hunderttausende Studienabbrecher zu. Reife Azubis, die nach der Ausbildung nicht zum Studium gehen. Ein Unternehmer in Baden-Württemberg bietet samstags Schülerjobs an. Jedes Jahr findet er so seine Azubis. Ein Jahr lang beschnuppern sich alle Beteiligten. Ergebnis: Keine Abbrüche. Es liegt weder am Ort noch am Geld. Einzigartige Ideen kos­ten wenig, und unterscheiden sich massiv. Wenn Unternehmen keine Fachkräfte finden, fehlen meistens unterscheidbare Ideen und Mut.

Eine Hotelierin in Coburg hat den Fachkräftemangel besiegt. Nach einem Vortrag von mir nahm sie meine Anregung ernst. Sie meldet sich bei allen Bewerberinnen und Bewerbern innerhalb von 48 Stunden. Manchmal schreibt sie ganz kurz: „Vielen Dank. Wir sind gerade auf einer Messe und melden uns in 10 Tagen.“ Bewerber fühlen sich ernst genommen und wertgeschätzt. Die Zahl der Bewerber, die zum Bewerbungsgespräch kommen, steigt. Die Qualität steigt. Die gegenseitige Wertschätzung steigt. Behandeln Sie Bewerber wie Kunden. Viel Erfolg!

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